Die Universität der Zukunft ?

Probleme von LMSen

Einige Thesen zu LearningManagementSytemen (z.B. WebCT):

  1. Die Struktur und Anwendungslogik von LMSen ist aus der Perspektive der Lehrenden und Administratoren aufgebaut und ermöglicht ein hohes Maß an Kontrolle. Dies lässt sich als ["panoptisch"]es System (nach MichelFoucault) analysieren.

  2. LMSe begünstigen durch diese Struktur DefensivesLernen und haben die Tendenz, ExpansivesLernen zu behindern (Verschiedene LernBegründungen nach KlausHolzkamp). Die Modularisierung eines LMS (hier: dass es für jeden Typ Tätigkeit ein eigenes Sub-Programm gibt) strukturiert den Lernprozess übermäßig und zwingt ihm die vom Entwickler oder Lehrenden geplante Struktur auf.

  3. Indem sie den Zugang zu Unterrichtsmaterialien kontrollieren, machen LMSe die Lernmaterialien zu einer knappen Ressouce. Damit verstärken sie die Tendenz zur ÖkonomisierungDerBildung (nach IngridLohmann: Bildung wird eine Eigentumsoperation mit Wissen als Ware).

  4. LMSe führen den LehrLernKurzschluss fort indem sie annehmen, dass das bloße zur Verfügung stellen eines Lernmoduls zu Lernen führt (nicht einmal mehr Lehren führt zu Lernen).

Alternative Social Software

Stattdesssen könnte offene SocialSoftware, wie WikiWikis WebLogs usw., zur Unterstützung von Lernen verwendet werden. Auch hierzu einige Thesen:

  1. WikiWikis sind bewusst strukturoffen. Die Logik des Wiki impliziert eine bestimmte soziale Dynamik. Alle weitere Struktur wird sozial hergestellt und erwächst aus den Benürfnissen der Nutzer (der Lernenden).

  2. Dies öffnet die Möglichkeit für ExpansivesLernen.

  3. Wikis bieten die Möglichkeit, Lernmaterialen öffentlich zu machen. Es gibt keinen Grund den Zugang zu Lernmaterial zu begrenzen. Der Download verursacht nur minnimale Kosten. Lehrmaterial stellt, im Unterschied zu neuen Forschungsergebnissen, allgemein bekanntes Wissen dar. Es handelt sich nicht um eine KnappeRessource.

  4. Es gibt keine überprüfbare Beziehung zwischen Beitrag im Wiki und Lernprozess beim Individuum.

Problem der Zertifizierung

Aber SocialSoftware bietet keine Möglickeit, den Lernstand zu prüfen und zu Zertifizieren.

These: Soziale Lernsoftware muss die Frage nach der Zertifizierung beantworten, sonst hat sie keine Chance sich gegen LMSe durchzusetzen.

  • Zertifikate (Abschlusszeugnisse, Diplome) lassen sich als institutionalisiertes KulturellesKapital nach PerreBourdieu beschreiben. Sie erhöhen den Marktwert des Zertifizierten. Dieser Aspekt der ÖkonomisierungDerBildung ist hier real und derart in der Gesellschaft verankert, dass er annerkannt, und mit ihm umgegangen werden muss (AufdeckenAnerkennenUmgehen).

  • Der Lernerfolg durch Teilnahme an einem Wiki ließe sich nur durch Disputation der erstellten Inhalte überprüfen (z.B. in einer mündlichen Prüfung). Dies erfordert intensive Arbeit der Lehrenden. Betreuung und Prüfung durch Lehrende ist aber tatsächlich ein knappes Gut.

Was nun?

Jetzt stellt sich die Frage, wie diese beiden Seiten kombiniert werden können:

  1. SocialSoftware die Lernprozesse ermöglicht, indem sie Materialien offen zur Verfügung stellt und den Lernenden die Möglichkeit gibt, es selbständig in neue Kontexte einzubetten. (Könnte man das einfach mal OpenLearning nennen?)

  2. Test- und Managementverfahren (TestManagementSysteme?), die die Ergebnisse der offenen Lernprozesse zertifizieren, und ihnen einen gewissen Wert auf dem Arbeitsmarkt geben.

Hier stellen sich natürlich tausende Fragen. Tatsächlich ist das eine ziemlich radikale vision der ZukunftDerUniversität:

  • Können sich Universitäten finanzieren, indem
    • der Staat die Textproduktion und Forschung finanziert, dafür eine freie Veröffentlichung der Resultate verlangt,
    • die Lehre und Betreuung von Studierenden suventioniert aber kostenpflichitg ist (allerdings ist durch die freie Veröffentlichung des Unterrichtsmaterials ein unbetreutes selbständiges Lernen möglich),
    • die Prüfungen kostenpflichtig und sogar ziemlich teuer sind (allerdings könnte der Staat jedem Bundesbürger eine solche Prüfung in seinem Leben bezahlen)?

    Das ist wirklich ganz schön radikal.
  • Ist es überhaupt möglich, die Ökonomisierung auf der Zertifizierungsebene zuzulassen, ohne dass sie auf die Lern- und Forschungsebene überschwappt?
    • Erzeugen die Prüfungen nicht trotzdem DefensivesLernen? Kann das vermieden werden?

    • Inwieweit müssen die Zertifikate and die Bedürfnisse der Wirtschaft angepasst werden? Wie sehr wird sich das auf die Forschung und Lehre auswirken?
    • Da die Lernenden Mitproduzenten des Lernmaterials sind und ihr Ziel (auch) der Erwerb von Marktwert ist, werden nicht sie dafür sorgen, dass die Lerninhalte durch und durch von ökonomischen Fragen bestimmt werden? Oder gestehen wir Menschen auch in dieser Situation noch subversives Potential zu?

  • Wie müssten Testverfahren aussehen?
    • die Testverfahren wären geschlossen und wahrscheinlich sogar teilweise panoptisch. Ist hier ein reflektiertes AufdeckenAnerkennenUmgehen mit einem generellen Widerspruch von (schulischer und universitäter) Lehre möglich?

    • In welchen Rahmen sind welche Testmethoden sinnvoll?
      • Ist ein begrenzter Einsatz von Multiple Choice Tests möglich? Ist auch der schon schädlich für die Lernkultur?
      • Was ist mit problembasierten Multiple Choice Tests, die auf einer kybernetischen Simulation eines Problems basieren. In ihnen müsste gelerntes nicht wiedergegeben sondern angewendet werden. Wenn das Programm zusätzlich äußere zufällige Einwirkungen während des Lösungsprozesses simuliert, dann würden auswendiggelernte Musterlösungen vermieden.

      • Was mit mit einem Pendant zu einem Gesellenstück?
      • Hausarbeiten, Reports, Wiki-Seiten müssten immer auch disputiert werden. Nur ein Prüfer in Auseinandersetzung mit dem Prüfling könnte herausfinden, ob er den Text selbst erarbeitet oder aus verschedenen Ecken des offenen Unterrichtsmaterials zusammenkopiert hat. Tatsächlich wäre es ja nicht einmal verboten, auf der Arbeit anderer aufzubauen. Der Bloße Text ist dann erst recht kein Garant für erfolgreiches Lernen mehr (wenn er es denn überhaupt ist).
    • Trotz aller Vorsicht: die Prüfung allein definiert nicht die Qualität des Lernprozesses. Wenn der Lehrende die Lernenden nicht alleine lässt, wenn er ihnen hilft, die Prinzipien zu verstehen, dann werden keine stupiden Musterlösungen aufkommen. Es ist viel weniger Arbeit und macht viel mehr Spaß, Prinzipien zu verstehen, als 1000 Musterlösungen auswendig zu lernen.


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LearningManagementSytem (zuletzt geändert am 2006-07-14 07:07:52 durch ChristophKoenig)